Dieser Findling auf Facebook paedagogik-plus.com, Branka Rezan Schüracherstrasse 45 8700 Küsnacht hat mich beeindruckt, auch wenn sich der Aufmacher wieder einmal als Werbung herausstellt, die wir als non-kommerzielles Presseorgan Biebertaler-Bilderbogen eigentlich nicht unterstützen. Da es sich hier um eine Seite aus der Schweiz handelt, mache ich eine Ausnahme, denn die Gedanken, die ich eigenständig ergänzt habe, sind auch hierzulange bedenkenswert:

Viele Unterrichtsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten verändern sich trotz unzähliger Lerngespräche im 1:1 oder im Klassensetting kaum nachhaltig.
Das überrascht mich nicht, denn in vielen Gesprächen sprechen wir fast ausschließlich darüber, was Kinder falsch machen oder lassen sollen, anstatt darüber, was sie konkret lernen könnten, um schwierige Situationen besser bewältigen zu können.
z.B. >nicht schreien, sondern zuhören, auch mal die Perspektive des anderen erkunden<; <nicht schlagen, auch nicht mit verletzenden Worten<; >nicht beleidigen, denn „was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“< und auch >niemanden auslachen, denn jedes Verhalten hat einen Grund. Den zu verstehen hilft, eine gemeinsame Ebene zu bauen.<.
Solche Regeln klingen im ersten Moment sinnvoll. Das Problem ist nur: Ein Kind weiss dadurch noch lange nicht, wie es mit Wut umgehen soll, wie es Frust ausdrücken kann oder was es tun kann, wenn plötzlich alles zu viel wird.
Genau deshalb greifen viele Verhaltensregeln zu kurz. Sie beschreiben unerwünschtes Verhalten, aber sie bauen keine Fähigkeiten auf.
Hinter vielen Konflikten steckt kein „schwieriges“ Kind.
Oft fehlen Strategien, Sprache oder Möglichkeiten zur Selbstregulation. Und Selbstregulation lernt man nur in Co-Regulation, also gemeinsam und am Vorbild.
Und genau dort müssen wir bei der Haltung der Erwachsenen und bei guten Lerngesprächen ansetzen.
Ein Ziel wie „Ich teile sachlich mit, wenn mich etwas stört“ verändert etwas.
„Ich spreche in Ich-Sätzen, so dass klar wird, wie es in meiner Erlebenswelt aussieht.“ In Du-Sätzen fehlt lediglich der erste Teil des Satzes: „Ich finden, Du bist …“. Und, wer gibt mir das Recht, über das Erleben eines anderen zu urteilen?
Ein Ziel wie „Ich hole Unterstützung, wenn ich merke, dass ich gerade zu wütend bin“ verändert etwas.
Denn in solchen Situationen wirken die unspezifisch arbeitenden, schnellen Verarbeitungsmuster der Überlebens-sicherung, während die, zudem langsamen, kognitiv-kreativen Denkmöglichkeiten erst mit einem gewissen Abstand zur Situation wieder zugänglich sind. Sich da Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von intelligentem Verhalten.
Ein Ziel wie „Ich warte, bis sich meine Emotionen beruhigt haben“ verändert etwas.
Dieses Ziel passt zum vorher angesprochenen. Sinnvoll ist es, mit Ankündigung des Wiederkommens, auf Distanz zu gehen, kurzfristig hilft tiefes Durchatmen oder Zählen von 10 bis 0. Gut zu wissen, dass E-motion Heraus-bewegung bedeutet. Eindrücke brauchen also Ausdruck, aber bitte sozialverträglich.
Ein Ziel wie „Ich nutze die Strategien, die wir gemeinsam besprochen haben“ verändert etwas.
In einer „brenzlich“ erlebten Situation ist das oft schwierig. Daher hilft z.B. das Ampelmodell, sich besser zu regulieren. Bei „Grün“ ist alles OK; ich bin entspannt. Bei „Gelb“ ist Vorsicht geboten. Hier hilft es, sich klar zu machen, welche Situationen, Worte usw. mich in Angst, Bedrohungserleben oder Wut versetzen. Denn jetzt kann ich mein Verhalten noch steuern. Bei „Rot“ gilt auf jeden Fall, nicht weitermachen! Denn innerlich bin ich out of order, kämpfe nur noch „wild um mich schlagend“ um´s Überleben, auch wenn die äußere Situation für diese massive Reaktion keinen realen Anlass gibt. Oft sind da unbewusste, alte Verletzungen mit im Spiel, die durch einen triggernden Reiz re-aktualisiert werden, so dass die Situation so erlebt wird, als sei es jetzt wieder so wie damals.
Plötzlich geht es nicht mehr um Schuld oder Bestrafung. Es geht um Entwicklung und Verantwortung. Eine jede und ein jeder braucht da ganz konkrete, individuelle, realistische und erreichbare Ziele. Daher gilt es mit Kindern darüber zu sprechen, was sie erreichen möchten, was ihnen dabei im Weg steht und was sie tun können, wenn genau dieser schwierige Moment auftaucht. Sehr oft haben Sie da durchaus gut Ideen. Die gilt es zu Üben, denn alles was wir tun schafft in unserem Gehirn vernetzte nervliche Verbindungen, die bei jedem Gebrauch stabiler und „selbstverständlicher“ werden. Aus „Wegen“ werden „Autobahnen“, und die sind bequemer zu fahren und vor allem für den Organismus energiesparend – ein sehr wichtiges Ziel.
Dieser Grundsatz gilt allerdings für alles Verhalten – erwünschtes wie unerwünschtes.