Risikoaufklärung Psychotherapie

Dieser „Beipackzettel“ entstand in Anlehnung und als karikierender Überzeichnung an den Artikel „Risiken der Psychotherapie“ in der Rubrik „Fortbildung“ der Zeitschrift „Der Allgemeinarzt“ 4/2006, S. 22-24, von Dr. med. Jürgen Wettig, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Eichberg, 65346 Eltville.
Ich möchte hier dem Kollegen danken, denn auch über diese Seite der Behandlung sollte offen gesprochen werden; auch wenn oft, mit den Worten von Eugen Roth gesprochen, gilt:
„Am End sah er zurück und sah, sein Unglück war sein Glück.“

Wie auch bei der Verschreibung von Psychopharmaka soll hier, vor Beginn einer aufdeckenden, tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie, Aufklärung erfolgen.
Allerdings soll auch nicht unbemerkt bleiben, dass der Begriff  „Nebenwirkung“ aus dem Bereich der Pharmakotherapie stammt. Da könnte es z.B. bei der Behandlung von Kopfschmerzen mit einer Schmerztablette zu Magenschmerzen kommen. Das muss der Arzt wissen und bei seiner Behandlung beachten, um u.U. entgegenwirken zu können. Diese Sichtweise zeigt aber auch ein Menschenbild, in dem der Mensch in einzelnen Teilen gedacht wird; und da sind Nebenwirkungen unerwünschte Wirkungen an Körperteilen, die gar nicht krank oder funktional beeinträchtigt sind. Diese Streuung von Wirkungen ist eine Eigenheit der Chemie, die eben nicht selektiv an Einzelteilen wirkt. Das ist ein Nachteil dieser Therapie.
Bekommt nun jemend, der seinen inneren Konflikt bearbeitet, Magen- oder Kopfschmerzen, Schlafstörungen etc., sprechen wir nicht von Nebenwirkungen, sondern eher  von belastenden, aber verstehbaren Wirkungen. Psychotherapie ist ganzheitlich gedacht und da haben alle Reaktionen in Psyche und Körper ihren Sinn. Wir fragen nach deren Bedeutung; das tut man bei medikamentösen Nebenwirkungen nie.
Auch sind die Wirkungen, die möglicherweise (oft zunächst) als unerwünscht gedacht werden, im Rahmen der Psychotherapie nicht eindeutig vorhersehbar, so wie bei einem Pharmakon, wo Wirkungen meist dosisabhängig auftreten.
Es soll hier also keiner Tendenz zu einem mechanischen Verständnis von Leben und Therapie gedient sein; Psychotherpie ist kein Medikament. Es so zu sehen, wäre ein großer Verlust.

Psychotherapie gelingt in Beziehung. Natürlich treten selbstverständlich auch dort Wirkunden auf, das sollen sie ja auch – in die erwünschte Richtung. Zeitweilig kann es dabei aber, z.B. durch das Erinnern von schlimmen Erfahrungen und den damit verbundenen, z.T. unbewussten, Körperreaktionen, zu unangenehmen Situationen kommen. Allerdings sind Sie dieses Mal nur noch mit den Schatten der Vergangenheit beschäftigt – auch wenn Sie jetzt ganz reale und aktuelle Körperreaktionen zeigen -; zudem wissen Sie heute schon, dass Sie erfolgreich aus der Situation herausgekommen sind und Ihnen jetzt ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, als damals; noch dazu haben Sie jetzt Hilfe zur Seite.

In den tiefenpsychologischen Therapien werden lebensgeschichtliche Erfahrungen wie auch aktuelle Situationen aufgearbeitet; Einfälle, Phantasien, Träume gedeutet; Konzepte und Beziehungen beleuchtet sowie Übertragungen (= Phänomen der unbewussten Umlenkung von Gefühlen und Erwartungen an frühere Bezugspersonen auf Andere im Heute) und Gegenübertragungen (= entsprechende Empfindungen die der Therapeut in dem Prozess erlebt) analysiert und besprochen.
Hier ein Beispiel: Eine Patientin fühlt sich von ihrem Therapeuten gut verstanden; er hört ihr zu, er interessiert sich, kümmert sich, ist da. So können leicht Pantasien entstehen, wie es wäre, mit dem Therapeuten eine freundschaftliche oder gar zärtliche Verbindung zu haben (Übertragung); sie achtet mehr auf ihr Aussehen in der Stunde, beginnt ihm Geschenke zu machen, lädt ihn auf einen Kaffee oder zu einer ihr wichtigen Feier ein (agierte Übertragung). Selbst wenn er sie sympathisch findet (was ja eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist) und eine Tendenz verspürt, auf das Angebot einzugehen (Gegenübertragung), sind dieses Gefühle und Phantasien als Teil des Therapieprozesses zu verstehen, als kontextabhängig und damit als zu besprechen, wo sie hin gehören und nicht zu leben. Ginge er tatsächlich darauf ein, so würde sie ihre Übertragung, er seine Gegenübertragung agieren. d.h. meint hier: ein Handeln unreflektiert, unbewussten Strebungen folgend, umsetzen, in dem (wie sich später fast regelmäßig herausstellt) ein ebenfalls noch unbewusstes psychisches Thema in Szene gesetzt und damit sichtbar gemacht wird. Um Patienten vor der unbewussten Wiederholung früherer Erfahrungen zu schützen, gilt im Rahmen der Therapie das Gebot der Abstinenz: also alles sagen, aber nicht agieren.

Wie beim ursprünglichen Lernen als Kind und jedem Selbsterkenntnisprozess bedarf es, um Muster zu erkennen, des Spiegels der Mitmenschen.
Auf diese Weise werden aber nicht nur Sachinformationen, sondern auch Werte und Traditionen vermittelt, die nur subjektiv gefärbt sein können – niemals objektiv.
So ist auch Psychotherapie, wie jeder Erkenntnisprozess, ist ein streng subjektiver Prozess, bei dem – wie immer – der Empfänger die Bedeutung der Nachricht bestimmt.
Denn jeder Mensch konstruiert (latein. entwerfen, erfinden, zusammenschichten, erbauen, herstellen) seine Wirklichkeit über Aufmerksamkeitsfokussierung. Niemals können wir alle Informationen einer Situation überblicken. Wir müssen auswählen. Das aber geschieht interessengesteutert und durch die Auswahl der Haltung und Perspektive.

So können Sie, je nach Verlauf der Therapie z.B. zeitweise in Streit mit Ihren Eltern, Geschwistern oder Kindern geraten. Sie könnten, im Zuge ihres Wohlbefindens, schwanger werden. Sie könnten, im Verlaufe eines Streites, enterbt werden. Möglicherweise droht Trennung oder Scheidung vom Ehepartner. Das kann mit erheblichen Kosten verbunden sein. Ihr neues Selbstbewusstsen könnte Ihrem Chef missfallen oder sie könnten befördert oder entlassen werden.
Sie sehen, auch wenn sie sich mit all diesen Personen schlechter oder (wahrscheinlicher) besser verstehen – hat auch das bedenkenswerte Konsequenzen.

Im übrigen betragen die Behandlungskosten für eine privat versicherte oder selbst bezahlte Psychotherapie nach der Gebührenordnung für Ärzte voraussichtlich 92,50 € pro Einzelstunde á 50 Min. bzw. 46,25 € pro Gruppenstunde á 100 Min.; bei Therapien, die über die gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, bedürfen Sie der Zustimmung Ihrer Krankenkasse, bevor ein Behandlungsabschnitt beginnen kann. Es können also erhebliche Kosten oder Umstände auf Sie zukommen.
Meist werden 1 bis 2 Einzel- oder Gruppen-Sitzung pro Woche, evtl. über mehrere Jahre, erforderlich sein. Es besteht die Möglichkeit, dass Ihre Versicherung auf halber Strecke die Zahlungen einstellt und Sie die Kosten selber tragen müssen.
Überlegen Sie also bitte, ob eine Investition in Ihr eigenes Wohlbefinden sich lohnt; immerhin könnten Sie sich von dem Geldbetrag z.B. auch ein Auto anschaffen oder eine Weltreise machen.

Eine erfolgreiche Therapie bedeutet für Sie z.T. eine Phase schmerzhafter Belastungen. Sie könnten suizidal werden (was eine akute, vielleicht sogar durch die Polizei erzwungene, Klinikeinweisung notwendig machen kann) oder sich selbst verletzen oder andere schädigen wollen. Sie könnten eine sehr unangenehme Identitätsstörung entwickeln, die Ihr Leben auseinander reißt. Im schlimmsten Fall droht, bei entsprechender Veranlagung, eine psychotische Entgleisung mit der Folge der Zwangseinweisung in die Psychiatrie.
Anderen „droht“ ein Zustand, mehr oder weniger anhaltenden Wohlbefindens und besserer Gesundheit – und entsprechend mehr Anwesenheitstage an ihrem Arbeitsplatz.

Die meisten Menschen müssen sich allerdings keine verstärkten Sorgen machen, da der Organismus über allerlei Selbstregulierungsmechanismen verfügt, um Glücklichsein zu verhindern. (Natürlich verfügen wir auch über das Potential Glück und Zufriedenheit in unserem Erlebnisraum zu erzeugen; aber diese Tendenz ist bei den meisten Menschen nicht besonders entwickelt.) Auch Psychotherapie dient ja einerseits dem Wunsch, sich zu verändern, andererseits aber auch als Ausrede, dass halt nichts zu machen war.

Auf alle Fälle sollten Sie rechtzeitig die Hoffnung aufgegeben, dass ein Therapeut in der Lage wäre, irgendjemanden verändern zu können. So etwas können Sie nur aus eigener Anstrengung und freiwillig erreichen.
Auch den Wunsch, selbst andere besser verändern zu lernen oder zu klären, wer denn nun endgültig Schuld gewesen ist, wird kaum in Erfüllung gehen. Nicht einmal die Vorstellung, endlich etwas aus Ihrem Leben loswerden zu können, wird funktionieren – auch wenn es gut tut, sich mitteilen zu können.
Was Sie bestenfalls lernen können, ist Ja zu sich und Ihrem Leben zu sagen, so wie es ist. Darüber hinaus entwickeln Sie vielleicht realistische und konkrete Ziele und finden Wege, wie sie diese verwirklichen können.

Während der Therapie kann es sein, dass Sie sich (zeitweilig) sehr abhängig vom Therapeuten, dem Termin oder was sonst etwas fühlen. Allerdings kann ich Sie dahingehend beruhigen: Erlebte  Ereignisse können niemals Wirkung, Verlauf oder Ergebnis Ihres Erlebens festlegen; sie sind höchstens Auslöser von Interaktionsprozessen, Beziehungsgestaltungen und Wechselwirkungen, Wirkungen und Rückwirkungen.
Sollten Sie die Therapie abbrechen, kann es folglich passieren, dass Sie sich heimatlos fühlen oder mit heftigen Schuldgefühlen zu kämpfen haben. Deshalb können nach Abschluss der Therapie auch Trauerreaktionen auftreten, die evtl. einen Therapeutenwechsel erforderlich machen.
Aber auch Emanzipation und reife Erwachsenheit sind vielfach in unserer Gesellschaft nicht erwünscht, so dass auch diese Folge einer Therapie bedacht werden sollte.

In jedem Fall gilt der Rat aus Zeiten psychoanalytischer Kuren auch heute: „Um negativen Folgen vorzubeugen, sollten Sie während der Therapie möglichst keine weitreichenden Entscheidungen treffen“ – oder diese zumindest mit Ihrem Therapeuten zuvor besprechen -, um zu klären, ob Ihre Entscheidung im Zusammenhang mit dem Therapieprozess möglicherweise symbolisch zu verstehen ist, d.h. sich evtl. auf eine ganz andere Situation bezieht und sinnvollerweise ganz andere Schlussfolgerungen abgeleitet werden sollten.

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