Stress – was ist das eigentlich? … und was geschieht da in unserem Körper? Was hat das mit Angst zu tun?

Rehbock auf der Flucht

Oft habe ich in der Arztpraxis den Eindruck, dass manchem viel Leid erspart bleiben könnte, wenn er/sie aufgeklärt wäre, worüber sie/er redet. Denn Stress ist ein Wort, das ich oft höre und bei dem ich immer wieder feststelle, dass konkrete Vorstellungen davon und von dem was da im eigenen Körper passiert einfach fehlen.

Warum dieses Foto? … Ist Stress denn nicht etwas menschliches?

Nein, Stress ist ein Schutzmechanismus aus frühester Vorzeit, der sich in der Biologie so sehr bewährt hat, dass er auch in einer Welt weiter wirkt, in der es nicht mehr nur um „Fressen oder Gefressen werden“ geht. Denn biologische Veränderungen sind viel viel langsamer als gesellschaftliche.
Stress bezeichnet eine gesunde, kurzfristige Alarmreaktion, zur Aufmerksamkeits- und Kraftsteigerung, um sich durch Flucht einem Fressfeind zu entziehen oder im Notfall gegen ihn zu Kämpfen. Im Gefühl maximaler Bedrohung stellen wir uns dabei sogar tot, um beim Fressfeind eine Beißhemmung auszulösen und den Spiel- und Jagdtrieb zu dämpften.

Bild: Eberhard Fuchs, Symposium: Stress, Schlaf und psychosomatische Beschwerden, Vitos Klinik Gießen, 22.10.2011

Unwissen , Unsicherheit, Kontrollverlust fühlen sich an wie eine Bedrohung und die erzeugen Angst.
Angst ist ein bedeutender Stressor, also ein Auslöser der Stressreaktion im Körper, die wir uns genau ansehen wollen, um uns und unsere Reaktionen besser zu verstehen.

Angststörungen (sei es Flugangst, Platzangst, Angst vor Spinnen oder Mäusen oder auch eine diffuse Angst „ohne Grund“ usw.) sind häufig und sehr oft irrational ausgelöst.
Irrational meint „ohne Vernunft“. Denn diese alten, archaischen Stress- oder Angst-Reaktionen werden (entwicklungsgeschichtlich gesehen) noch von unserem Reptiliengehirn gesteuert, das lange vor unserem denkenden Großhirn da war.
Rational, also vernünftig, ist eine Aktivierung unseres Alarmsystems, immer da, wo eine echte Bedrohung da ist – sei es ein uns nicht wohlgesonnener Mensch oder ein LKW im Straßenverkehr etc..

Kurzfristige Aktivierungen unseres Stresssystems helfen aufkommende Probleme zu bewältigen.
Problematisch und erschöpfend wirkt eine solch Aktivierung erst, wenn die Alarmreaktion anhält und Stressoren chronisch auf uns einwirken.

In unserer modernen Welt kann alles ein Stressor, ein Stressauslöser sein.
Das reicht von einer echten, realen Bedrohung durch ein Gegenüber, Krieg oder Naturkatastrophe; über drohenden Arbeitsplatzverlust, Zeitdruck und Arbeitsverdichtung, bis hin zur Angst vor dem Postkasten, wenn unangenehme Post erwartet wird oder dass das Telefon klingelt, wenn ein unangenehmer Anruf vom Chef droht; Angst vor eine Spinne, die – vor Jahrtausenden gelernt – giftig sein kann, einer Maus, Zecke oder Mücke, die Krankheiten übertragen könnte oder wenn das eigene Selbstbild erschüttert werden könnte; usw.

Was passiert nun im Körper,
um die zusätzliche Kraft zur Verfügung zu stellen,
die in der (echten oder gefühlten) Bedrohungslage gebraucht wird?

Wird eine Bedrohung wahrgenommen, werden sofort Botenstoffe ins Blut ausgeschüttet und Nervenimpulse losgeschickt, die für die Selbsterhaltung notwendig sind.

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Bild: Eberhard Fuchs, Symposium: Stress, Schlaf und psychosomatische Beschwerden, Vitos Klinik Gießen, 22.10.2011

Allein die Botenstoffe benötigen mindestens 20-30 Minuten, um wieder aus dem Kreislauf entfernt zu werden; auch wenn kurze Zeit nach der Alarmierung erkannt werden sollte, dass man sich geirrt hat. 
Beunruhigen dann die eigenen, unverstandenen körperlichen Reaktionen weiter, dauert das Abflauen der Alarmaktivierung einfach nur länger.
Sicher ist allerdings, da jedem irgendwann „der Sprit“ ausgeht, dass diese Körperreaktion endlich ist.
Für gesunde Menschen ist das Geschehen – trotz aller innerer Aufgewühltheit und gefühlter Angst – völlig ungefährlich. Lediglich in seltenste Ausnahmen kommt es zu wirklich bedrohlichen Zuständen.

Die ausgeschütteten Botenstoffe und Nervenerregungen sorgen dafür, dass die für Flucht oder Kampf notwendige Kraft verfügbar gemacht wird.
Für die Energieerzeugung, werden schnell verfügbarer Brennstoff (Glukose) und Sauerstoff in die Zellen geschafft. Dort wird der Zucker mit Sauerstoff in chemischen Reaktionen verbrannt. In energiereichen Bindungen von Transportmolekülen wird die erzeugte Kraft in die Blutbahn entlassen.

Das vermehrte Atmen, um viel Sauerstoff in die Zellen zu bekommen, bewirkt oft ein Gefühl der Atemnot.
Es passiert hier das gleiche, wie z.B. beim Joggen. Auch da wird mehr Kraft in den Muskeln gebraucht.
Nur, da man bei Joggen weiß, dass das vermehrte Atmen normal ist, regt niemanden auf.
Zum anderen wird einem bei erhöhter Körperarbeit heiß. Um nicht zu überhitzen, reguliert der Körper gegen und man beginnt zu schwizten. Denn mit der beim Schwitzen entstehenden Verdunstungskälte – gefühlte Kaltschweißigkeit – hält der Körper seine Temperatur auf 37 Grad und fängt nicht an zu fiebern.

Um die in den Transportmolekülen gespeicherte Energie für Flucht oder Kampf verfügbar zu haben, wird die Durchblutung der Muskulatur verstärkt und der Blutzufluss zu den großen Energieverbraucher Gehirn und Darm gedrosselt. Unterstützend beschleunigt sich der Herzschlag und der Blutdruck steigt.

Dadurch bedingt erlebt man z.B. einen hochroter Kopf, Herzrasen und Tunnelblick – eingeschränktes Denkvermögen -, Schwindelgefühl, Übelkeit oder nervösen Durchfall.
Diese Symptome beunruhigen / stressen oft zusätzlich und befeuert die Vorgänge erneut.
Doch all das sind nur die natürlichen Folgen von effizientem Verhalten: „weder muss das Brötchen, wenn man gefressen wird, vorverdaut sein, noch muss man wissen, wie viele Streifen der Tieger hat, der einen verfolgt! Sowohl Denken wie Verdauen sind Vorgänge, zu denen man Ruhe braucht.
Interessant ist jetzt lediglich, den Ausweg nicht aus dem Blick zu verlieren, der einen retten könnte.

Wird nun die in den Muskeln verfügbar gemachte Energie nicht durch Bewegung (Flucht oder Kampf und Bewältigung der Situation) verbraucht, muss der Körper die vorhandene Kraft, die nicht gespeichert werden kann, anderweitig los werden.
Zwei Wege stehen offen:
Haltearbeit, bei der Muskeln unter Spannung und Gelenke unter Druck geraten, was irgendwann zu Schmerzen oder überlasteten Bandscheiben führt (beides freundliche Hinweise des Körpers, dass im Grunde / zugrundeliegend etwas sehr schief läuft, das dringend korrigiert werden sollte!),
Interessant ist auch, dass die Anspannung dazu führt, dass sich der Körper zusammenzieht, so dass das physiologische Empfinden von Enge, psychologisch dem Gefühl der Angst entspricht.
Auch das Empfinden von Zurückhaltung gehört in diesen Assoziationskontext.
– und Mikrobewegungen, bei dem Musekelfastern fein fibrillieren, denn auch bei kurzem Weg gilt:
Kraft x Weg = Arbeit)  was als Unruhe, als Zittern wahrgenommen und oft als „nervöse“ Unruhe gedeutet wird.

Wie schon gesagt, sind diese körperlichen Alarm- und Bereitschaftsreaktionen im Alltag für allerlei Aktivierungen und Problembewältigungen äußerst hilfreich, wenn sie kurze Zeit dauern!
Hält die Alarmierung des Körpers längere Zeit an, können sich vielfältige pathologische Störungsbilder entwickeln, weil der Organismus kaum noch Erholungszeiten zur Regeneration hat und so langfristig aus dem Gleichgewicht gerät und sich erschöpft.
z.B. kann der Blutdruck chronisch erhöht bleiben, weil der Körper nach einer Weile einen neuen Zustand für „Normal“ hält und ihn immer wieder – auch in Entspannungssituationen – hoch regelt. Ebenso können vermehrte Herzarbeit mit chronisch erhöhtem, schnellen Puls, Schlafstörungen, Libidoverlust, Diabetes, Schmerzen oder Gelenkprobleme und Bandscheibenvorfälle Hinweise auf andauernde Stressbelastung sein.

Ein Kommentar

  1. Peter Kleiner, 13.03.2020
    Vor Jahren habe ich mal einen Vortrag zum Thema Stress gehört. Ein Junger Arzt dozierte vor meist älterem Publikum zum Thema. Er nannte auch ein Beispiel wie die Tierwelt auf Stress reagiert:
    Eine Affe, läuft entspannt durch den Dschungel und steht plötzlich vor einem Löwen . Wie reagiert er? Die erste Reaktion des Körpers auf diese stressige Situation ist, dass er seinen Darm entleert und auf den nächsten Baum flüchtet.
    Spontan sagte ich damals: Er sollte erst auf den Baum flüchten und dann seinen Darm auf den Löwen entleeren.
    Alle lachten und eine ältere Frau sagte mir nachher: „Wissen Sie, ich habe wirklich viel um die Ohren; eine Pflege bedürftige Mutter, anstrengenden Job und viel Zeitdruck. Der junge Arzt hat mir mit seinen Ratschlägen nicht wirklich geholfen, aber wenn ich an Ihren Zwischenkommentar denke, dann wird mich das in stressigen Situationen zum Schmunzeln bringen“

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