Aktualfähigkeiten und Ich-Anteile

Eine Aktualfähigkeiten- und ein Konfliktpaar sind z.B. Höflichkeit – Ehrlichkeit
Ich-Anteile sind z.B. inneres Kind, innere Helfer, Antreiber, Verweigerer, Saboteure, etc.

In diesem Artikel werden verschiedenste therapeutische Denkansätze angesprochen
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„In der psychotherapeutischen und medizinischen Literatur finden sich besonders im Zusammenhang mit vegetativ-funktionellen Störungen sowie darüber hinaus mit Verhaltensstörungen, Neurosen und Psychosen zahlreiche Hinweise auf einzelne Aktualfähigkeiten„, schreibt Nossrat Peseschkian in seinem Buch  >Klug ist jeder. Der eine vorher, der andere nachher<.
Zum Beispiel nannte
S. Freud Sexualität und Sauberkeit
C. G. Jung, F. Künkel und V. Frankl betonen die Bedeutung des Glaubens
E. Fromm spricht von Hoffnung
A. Mitscherlich stellt die Bedeutung der Leistung heraus
R. Dreikurs weist auf die Beziehungen von Erfolg, Prestige und Genauigkeit hin
Bach und Deutsch verweisen auf die Bedeutung von Ehrlichkeit in Beziehungen
E. H. Erikson formuliert eine Stufenfolge von Tugenden, die nach den einzelnen Entwicklungsphasen
                        des Menschen und de Reifung der psychischen Funktionen aufgebaut ist.
Er nennet Vertrauen, Hoffnung, Willen, Zielstrebigkeit, Treue, Fürsorge und Weisheit

Erfahrungen zeigen, dass Verschiebungen oder Konflikte oder eine Dissonanz (Unstimmigkeit), im Bereich verschiedener Fähigkeiten zu einer Einengung und Einschränkung der Wahrnehmung führen.
So kann ein Mensch vom Wert einer Fähigkeit so geblendet sein, dass er blind für andere Werte und Fähigkeiten ist:
z.B. „Für mich zählt nur ein Mensch, der sich gut benimmt. Es kann jemand noch so erfolgreich sein, wenn er nicht die entsprechende Höflichkeit zeigt, ist er bei mir unten durch.“
Dennoch kann jemand fleißig und ehrlich sein, nicht aber ordentlich oder höflich; man kann zu ihm Vertrauen haben, aber nicht zu sich selbst – usw. Zudem gibt es transkulturelle Unterschiede, wobei die Besetzung von Fähigkeiten unterschiedlich gedeutet wird.

John und Helen Watkins haben dies in ihrer Theorie der ego states (der Ich-Zustände) ausformuliert; so dass man z.B. entdecken kann, dass bestimmte Persönlichkeitsanteile Angst haben, andere aber nicht.
Diese Differenzierung kann zu erheblicher Entlastung führen, da nicht die Existenz als solchen, sondern nur Teile sich bedroht erscheint.
Denn die Ich-Anteile können wie „eigene Persönlichkeiten“ ein Eigenleben entfalten, mit „eigenem“ Willen, „eigenen“ Gedanken und Gefühlen (E-motionen = heraus-Bewegungen). 

Gesunde Ich-Anteile sind die (meist 5-15) Ich-Zustände, die bewusst gelenkt werden können. Sie entstehen in der Kindheit im Zuge der normalen Entwicklung.
Eric Berne entdeckte die ego images (die Kindheits-Selbstbilder) in seiner therapeutischen Praxis und beschrieb sie in seiner Transaktionsanalyse.
Friedemann Schulz von Thun hat sie als „inneres Team“ beschrieben, z. B. der „kompetente Fachmann“, der vor den Kollegen einen Fachvortrag halten kann, oder der „gute Gastgeber“, der den Kaffee von rechts nachschenken kann, oder der „Coole Typ“ in der Disco, oder der begeisterte „Radrennfahrer“. Das sind Anteile, über die der Mensch verfügt und je nach Bedarf zwischen ihnen umschalten kann.

Daneben gibt es ungesunde integrierte Anteile (Abwehrmechanismen), so wird man z.B. in bestimmten Situationen „plötzlich so müde“. Dadurch soll das Bewusstwerden einer alten, der aktuellen Realität schlecht angepassten Struktur des Patienten (beziehungsweise beängstigender Gefühle dahinter) verhindert werden. Dieser Ich-Anteil hat die Aufgabe davon abzulenken, „dass es da etwas gibt, was mir nicht behagt, mich ängstigt“, beziehungsweise einen anderen Ich-Anteil, der mit der Gestaltung der alten (und heute unangemessenen) Struktur beauftragt war, zu schützen.

„Was ist die Aufgabe dieser Müdigkeit, wovor soll sie schützen?“
Solche Schutzmechanismen hat und braucht jeder Mensch. Krankheitswert hat da nur eine extreme Ausprägung oder dort, wo solche Ego-States mit ihrer überkommenen Aufgabe für „den Menschen heute“ eine ungesunde Wirkung haben.
Die Psychoanalyse (S. Freud) verwendet den Begriff Charaktertypen für ein Set der jeweils vorherrschenden Abwehrmechanismen.
Dabei helfen die entwicklungstypischen Grundkonflikte nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) die Dimension eines Konfliktes zu klaren:
1. Abhängigkeit vs. Individuation: 
Im einen Extrem würde ein Mensch mit diesem Grundkonflikt eine Abhängigkeit erzeugende Beziehung suchen als „willkommene Abhängigkeit“, im anderen Extrem dagegen eine emotionale Unabhängigkeit aufbauen und die Bindungswünsche unterdrücken.
2. Unterwerfung vs. Kontrolle: 
Im einen Extrem nimmt der Mensch die Gegebenheiten hin als Schicksal, dem er sich fügt, dabei sind Erleben und Verhalten geprägt von Gehorsam und Unterwerfung. Im anderen Extrem bestimmen Kontrolle und Auflehnung („Bekämpfen“) das Erleben und Verhalten.
3. Versorgung vs. Autarkie: 
Im einen Extrem führen Versorgungs- und Geborgenheitswünsche zu starker Abhängigkeit, und der Mensch wirkt passiv und anklammernd. Im anderen Extrem nimmt der Mensch keine Hilfe an und wehrt die Wünsche nach Hilfe ab, indem er sich als anspruchslos darstellt. In einer altruistischen Konfliktverarbeitung bekommen Andere die Versorgung, nach der er sich selbst unbewusst sehnt.
4. Selbstwert vs. Objektwert: 
Es bestehen Selbstwertkonflikte, die im einen Extrem als Minderwertigkeit erlebt werden, während andere aufgewertet oder idealisiert werden. Im anderen Extrem werden kompensatorische Anstrengungen erbracht, die das Selbstbild bis hin zum Größenwahn stützen, während andere abgewertet werden.
5. Über-Ich- und Schuldkonflikte: 
Im einen Extrem führt die Schuldübernahme bis zur masochistischen Unterwerfung. Im anderen Extrem sieht der Mensch die Schuld nur beim anderen, wobei ihm jegliche Form eines eigenen Schuldgefühls fehlt.
6. Ödipal-sexuelle Konflikte: 
Im einen Extrem nimmt der Mensch seine Erotik und Sexualität nicht wahr, im anderen Extrem bestimmt sie alle Lebensbereiche, ohne dass eine Befriedigung gelingt. Dies meint nicht sexuelle Funktionsstörungen anderer Herkunft.
7. Identitätskonflikte: 
Bei sonst hinreichenden Ich-Funktionen übernimmt der Mensch die Geschlechts-, Rollen oder Gruppenidentität anderer oder überspielt die Identitätsambivalenz kompensatorisch.
8. Fehlende Konflikt- und Gefühls-Wahrnehmung: 
Bei diesem Grundkonflikt werden Konflikte, Gefühle und Bedürfnisse bei sich und anderen nicht wahrgenommen, oder sie werden durch sachlich-technische oder philosophische Beschreibungen ersetzt.

Schwieriger bzw. nur indirekt zugänglich sind da die abgespaltene Ich-Anteile, wie sie bei traumatisch verletzenden Situationen vorkommen, wo die damit verbundenen Gefühle nicht ausgehalten werden konnten, da sie sonst das Selbst(bild) zerstört hätten.
Daneben können auch konfliktbeladene Situationen Forderungen an einen Menschen stellen, auf die er noch „keine Antwort“ hat und die eine entsprechend tiefe Angst auslösen können.
Als Schutz davor werden ganze Ich-Anteile, inclusive Fähigkeiten, aufgegeben, unbewusst gemacht, also aus dem wissenden Bewusstsein abgespalten. Betroffen davon können sein Bereiche wie Wahrnehmung, BewusstseinGedächtnisIdentität und Motorik, aber auch Körperempfindungen wie Schmerz oder Hunger.
In diesen abgekapselten, dissoziiert, unbewusst gemachten Einschlüssen und den daraus resultierenden Anspannungen / Zurückhaltungen oder „unerklärlichen“ Fehlleistungen, Ängsten, Unruhe- oder Schmerzzuständen sind Gefühle und Energien ungelöster Konflikte, Traumata abgespeichert.
Anders gesehen, sind dies also potentielle und oft hohe Kraftreserven, die im Körper schlummern.

Solche Ich-Anteile können spezielle Formen und Aufgaben haben, z.B.: „Verfolger“, „radikale Helfer“, „Retter“ oder auch Täter-Introjekte (mit dem Täter oder seinen Verhaltensmustern identifizierte, übernommene Anteile oder das Erleben von Schuld, das vom Täter wegen empathischer Definzite nicht gespürt werden konnte), „Angreifer“, „Antreiber“, Mittäter-Introjekte (täterloyale Anteile). Einzelne Ich-Anteile können sich auch überlagern und ggf. gegenseitig verstärken, wie z. B. täteridentifizierte und täterloyale Anteile.

Als Beispiel sei ein Mensch betrachtet, der von Kindheit an von einem Familienmitglied misshandelt wird, inzwischen als Erwachsener in einer eigenen Wohnung lebt, und vom Täter weiterhin zu Gewalthandlungen aufgesucht wird. Sein gesunder, in der Therapie kontaktierbarer Ich-Anteil kann die neue Information lernen „Du musst ihn nicht reinlassen.“ Das wird den Menschen zwar stärken, dennoch sagt er z. B. „Ja, aber ich kann es nicht versprechen.“ Denn da gibt es auch noch den täteridentifizierten Anteil, der glaubt, gemäß der früheren Erfahrung den Menschen weiterhin (relativ) schützen zu müssen, indem er tut, was der Täter verlangt. So kann es zu der kontinuierten Entscheidung kommen, den Täter wider besseres Wissen immer wieder in die eigene Wohnung einzulassen, nach dem alten Motto: „Du musst tun, was er will, sonst schlägt er dich tot.“ Dieser Anteil ist abgespalten und unterliegt nicht der Ich-Kontrolle.

Solche Ich-Anteile sind nicht zu verwechseln mit den im Zuge der psychosozialen Entwicklung aufgenommenen Introjekten, also inneren Abbildern von Personen, die uns wichtig waren und deren Werte, Normen und Verhaltensmuster wir in uns aufgenommen haben und weiterverfolgen, als seien es unsere eigenen.
Introjekte starten nicht als Abwehrmechanismen und sind im Gespräch zugänglich für die Aufnahme neuer, realer Informationen (lassen sozusagen ein „Update“ ihrer selbst zu).
Lautet beispielsweise ein überbrachtes Gesetz (Introjekt) einer wichtigen Bezugsperson aus der Kindheit, das über unser Über-Ich als Norm wirkt „Du darfst nicht weinen“, so kann der innere Anteil, der das vertritt, z.B. in der Therapie nach und nach umlernen, bis das neue, eigene Gesetz schließlich lautet „Du darfst weinen, soviel Du willst, wenn es Dir angemessen erscheint“.

Alle diese „Figuren“ der inneren Verarbeitung von Konfrontationen des Einzelnen mit seiner Umwelt dienen dem Selbsterhalt, der eigenen Sicherheit und der Vermeidung von Unbill ganz allgemein. Es sind Anpassungsleistungen an eine gegebene Umwelt.

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