Quintett der Finsternis – in Paarbeziehungen

Illustration der japanisch-buddhistischen Hölle (jigoku)
Späte Heian-Zeit, 12. Jh., Nationalmuseum Tokio

Michael Lukas Moeller hat in seinen Forschungen neben den fünf Bedingungen einer gelingenden Partnerschaft auch fünf Themen gefunden, die sich zu Horrorszenarien in einer Beziehung entwickeln können.

Es könnte sich lohnen, darüber nachzudenken.

1. Bewusstlosigkeit in der Beziehung

Selten bedenken, wissen und realisieren wir wirklich, dass wir uns unserer Beziehung zuwenden müssen, um sie aufrechtzuerhalten.
Tatsächlich kommen immer wieder Paare in meine Praxis, die sich als sehr gut funktionierendes Team beschreiben, aber dennoch unglücklich und enttäuscht sind, weil sie sich als Paar – vielleicht über die Zeiten der Kindererziehung oder im beruflichen Engagement – völlig aus den Augen verloren haben.

Möller: „Oft leben die Menschen miteinander (oder nebeneinander) in Beziehungen – bewusstlos wie Kinder, aber die Beziehung leben sie nicht.“
Wer sich selbst nicht kennt, wer seine (Selbst-)Wahrnehmung nicht schult, wer sich kaum Zeit nimmt zu beobachten, zu Fragen, wie es einem Selbst, dem Partner, seinem Kind geht, was gerade die Beweggründe für ein beobachtetes Verhalten sind, wer die Fähigkeit in Resonanz zu gehen, Mitgefühl und Empathie wenig entwickelt, der kann von sich wie auch vom Gegenüber nur wenig mitbekommen.

Kleine Übung: Beschreiben Sie doch einmal für 2 Minuten, wessen Sie sich gerade jetzt bewusst sind.
Dazu am Ende des Textes noch einige Anmerkungen.

2. Ahnungslosigkeit in der Beziehung

Zuwendung ist in (Paar)Beziehungen eine ebenso notwendige Bedingung, wie Freiwilligkeit.
Aufmerksamkeit und Zuwendung sind ein Geschenk! Sie sind (z.B. in der Ehe) keine Pflicht. Sie lassen sich nicht einfordern oder über (heimliche) Kaufvertragserwartungen erlangen: für eigene Zuwendung erlangt niemand ein Recht auf Gegenliebe, Gegenleistung oder Widergutmachung.

Wer nicht zuhört, sich zeigt, ausprobiert, der bleibt ahnungslos – in Bezug auf sich wie auf sein Gegenüber.
Fehlerfreundlichkeit ist hier als Haltung zu erwähnen, also eine Einstellung, die weiß, dass etwas schief gehen kann, die aber auch davon ausgeht, dass jeder sein bestes tut und dass offene Gespräche über die Situation und seine Hintergründe heilsam wirken können.
Um solch echte Begegnungen zu meiden, entstehen Pseudo-Kontakte*, solche ohne echten (emotional oder real berührende) ehrlichen Austausch. Sie lassen „Wissen“ ohne Begreifen entstehen, zudem befördern sie die Phantasien, die letztlich in die unendliche Weiten der eigenen Hirnwindungen der Spekulation führen, aber zu keinerlei Ahnung über das was beim anderen ist.
(* z.B. floskelhafte Fragen „Wie geht´s“ und Antworten „gut“ sind solche Scheinkontakte.)

Im Umgang miteinander ist unterstelltes grundsätzliches Wohlwollen (statt unterstellter Böswilligkeit), insbesodere in vielen (angespannten) Situationen immer wieder hilfreich;
ebenso wie es sinnvoll ist, in emotional aufgeladenen Situationen (oft als Streit bezeichnet) für eine überschaubare Zeit (für viele Menschen besser mit angekündigtem, überschaubarem Ende – z.B. nachdem ich um den Häuserblock gelaufen bin) auf Abstand zu gehen, damit der innere Notfallmodus überwunden, das Gemüt sich beruhigen und Zuhören wie rationales wie kreatives Denken wieder möglich werden.

Selten haben wir ein Vorbild, wie gute Beziehung aussehen könnte oder wie man Störmomente – beispielsweise ständige Gereiztheit, Krach, Langeweile und erotische Einöde – angehen und beheben kann.

In fast allen Lebensbereichen müssen wir Lernen, wie etwas geht. Doch zentralen Fragen, wie Beziehung oder mit Kindern leben, Glücklichsein z.B. werden in der Bildungspolitik vernachlässigt.

Dennoch macht es Sinn, sich über diese Fragen Gedanken zu machen
und sich frühzeitig Vorbilder, Lehrer, Paar- oder Sexualtherapeuten zu suchen.
Mir ist es immer wichtig, an dieser Stelle nicht von Therapie, was an eine behandlungsbedürftige Störung denken lässt, zu sprechen, sondern von einer Weiterbildungsmaßnahme,
um eine Ahnung davon zu entwickeln,
wie es in dieser speziellen Beziehung – die man sich ja aus irgendwelchen Gründen auch zur eigenen Weiterentwicklung ausgesucht hat – gehen könnte.

3. Beziehungslosigkeit in der Beziehung

„Zusammen ist man weniger allein.“
Stimmt das wirklich?
Paare, die zu wenig zusammen sind oder zu wenig Austausch pflegen, zu wenig miteinander sprechen, zu wenig Nähe (auch körperliche) zueinander entwickeln, erleben schnell eine Beziehungslosigkeit in der Beziehung.

Ein gut zusammenarbeitendes Team funktioniert möglicherweise wie geschmiert, das aber bedeutet noch lange nicht, das die Funktionseinheiten auch in einer bezogenen Beziehung (Helm Stierlin schreibt von bezogener Individuation) zueinander stehen oder gar glücklich in dieser Situation sind.
Einsamkeit, speziell die in einer Beziehung, wird im Gehirn im gleichen Bereich verarbeitet wie Hunger; d.h. Menschen leiden an und sterben vor Hunger ebenso wie an Einsamkeit.

4. Sprachlosigkeit in der Beziehung

Ein wesentliches Element beim „verhungern“ in der Beziehung sind (Haut)Kontakt- und Sprachlosigkeit.

Paare, das zeigte die Forschung*, sprechen im Allgemeinen zu wenig Wesentliches miteinander; sie tauschen ihr Erleben zu wenig aus.

Wie oft sprechen Sie in Ihrer Beziehung Wesentliches?
– nicht über alltägliches: Wer kauft ein, holt die Kinder ab usw. –
Wesentliches = das, was Sie wirklich zutiefst bewegt, was Sie fühlen, sich wünschen, befürchten,
wovon Sie träumen, über das, was Sie gerne tun möchten oder mit Ihrem Partner erleben möchten?

(* Ich erinnere, dass Möller in einem seiner Bücher berichtet, dass deutsche Paare im Durchschnitt nur
2 Minuten am Tag über Wesentliches miteinander sprechen!)
Würden die Paare so wenig Zeit für die Pflege ihrer Blumen im Haus verwenden, man kann sich vorstellen, wie welk die Pflanzen nach kurzer Zeit aussehen – aber genau so sieht es in vielen Beziehungen aus.
Es liegt also nicht an der Dauer einer Paarbeziehung, dass das Feuer erlischt, sondern daran, dass kein Holz nachgelegt wird.

5. Lustlosigkeit in der Beziehung

Wenn in solcher Minutenbeziehung der Zeitmangelmenschen nichts besprochen werden kann, wird die beste Erotik unter der Last von Unerledigtem, Gereiztem und Beschränktem erstickt.

Das was Lust macht – im ganz allgemeinen Sinne –, muss in der Paarbeziehung nicht immer Erotik oder Sex sein; es gibt viele andere Themen, die miteinander befriedigend erlebt können.
Ohne diese „Alltagserotik“ die zweckfrei für sich da ist, nichts will, nichts fordert, wird sich kaum ein Klima einstellen, in dem beide Partner auch Lust aufeinander entwickeln.

Dennoch spielt die körperliche Nähe in Paarbeziehungen eine große Rolle, je nachdem wie wir unsere allerersten, vielleicht aber auch spätere Beziehungen erlebt haben.
Denn Körperlichkeit ist eine Grunderfahrung, die im besten Fall ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit signalisiert; allerdings bei manchen Menschen aber auch Gefahr ankündigt, je nachdem was bisher mit Menschen erlebt wurde.
Üblicherweise werden bei der körperlichen Verbindung Bindungshormone ausgeschüttet, die das Paarerleben stärken.
Andererseits sollte es völlig OK sein, wenn jemand gerade kein Nähebedürfnis nicht spürt oder Nähe ablehnt. Wer kein Nein akzeptiert, der kann auch kein Ja erleben. Denn körperliche Nähe ist ein Thema bei dem nichts (Orgas-)muß, sondern alles sein kann, wenn es passt.

Passt ein Paar mit seinen Bedürfnissen nicht gut zusammen, sollte es den Gründen nachgehen und dann verstehend nach einer Lösung (was manchmal Loslösung bedeutet) suchen.
Bei einer Entscheidung sollte man sich klar sein, dass schon das Wort Entscheidung signalisiert, dass dies immer etwas mit Scheidung zu tun hat – mit dem bewussten Treffen einer Wahl. Die schließt etwas ein, wie sie auf der anderen Seite etwas ausschließt. Daher beruhen Liebesbeziehungen auf Freiwilligkeit!

Quelle: Michael Lukas Moeller: Gelegenheit macht Liebe, Glücksbedingungen in der Partnerschaft, 2001


Nachtrag zur Wahrnehmungsübung

ruhte Ihre Aufmerksamkeit dabei z.B. auf äußeren oder inneren Eindrücken?
– bei Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen oder Interpretationen / Deutungen = Bedeutungsgebungen?
– war das, was Sie für bennenswürdig erachteten, auf Details oder auf grobe Übersicht ausgerichtet?
– gleichschwebend bei allem Möglichen und nicht wertend oder vorstrukturiert?
– konnten Sie sich leicht auf die Übung einlassen
oder fiel es ihnen schwer, zu „verstehen“, was mit der Aufgabe gemeint war?

All das ist ein Maß dafür, wie üblich Achtsamkeit bereits in Ihrem Alltag ist.




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