Smartphone, Babys, Kinder im Jahr 2021

Diese Graphik stammt zwar aus den USA, aber hierzulande dürften die Werte vergleichbar sein, insbesondere während der Corona-Pandemie.
In den westlichen Ländern spielen mehr als 90 % der Kinder bereits im Kleinkindalter mit Smartphones und Tablets.
73 % der Zeit wird mit dem Beobachten von Videos verbracht, weitere 16 % mit Computerspielen, die restlichen 11 % entfallen auf lesen (3 %), Hausaufgaben (1 %) und anderes. Jungen sind dabei im Durchschnitt um 35 Minuten medienaffiner. Die „on demand“-Medien haben die traditionelle Rolle des Fernsehens inzwischen abgelöst.

95 % der You-Tube-Videos für Kinder enthalten Werbung, 45 % der Videos für Kinder unter 8 Jahren enthalten Werbung für Produkte und 27 % enthalten nicht altersgemäße Inhalte; 30 % der Videos, die Kinder in diesem Alter ansehen, enthalten Gewaltszenen.
Von großer Bedeutung ist weiterhin, dass gerade in einkommensschwachen Familien der Medienkonsum deutlich angestiegen ist. Irrigerweise nehmen die Eltern an, dass die Inhalte des Medienkonsums der Bildung dienten.

Weder Smartphones noch Tablets, Laptops oder Spielekonsolen sind für den Gebrauch durch Babys, Kleinkinder oder Kinder entwickelt worden. Es handelt sich um Werkzeuge mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten für berufstätige Erwachsene.
Die Entwickler berücksichtigten nicht, dass Kinder auf die Verstärkung von Verhaltensweisen besonders rasch und zugleich unreflektiert reagieren, also beispielsweise auf rasche Bildfolgen, leuchtende Farben, animierte (Comic-)Figuren, schnelle Bewegungen reagieren und so erklärlich ist, wieso sich (Klein-)Kinder besonders schwer von den Maschinen lösen und sogar mit Wut und Geschrei darauf reagieren, wenn ihnen diese Stimulation (inclusive Überreizung) entzogen wird. Auch die Kooperationsbereitschaft und die Bereitschaft Aufforderungen nachzukommen nimmt – im Vergleich zur Beschäftigung mit Büchern – ab.

Das Experiment mit dem versteinerten Gesicht

Der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Edward Tronick von der Universität von Massachusetts, Boston, entwickelte vor Jahrzehnten zusammen mit dem Pädiater Berry Brazelton das sogenannte „Still-face-Experiment“ zur Untersuchung von Neugeborenen und Kleinkindern.
Dabei wird eine liebevolle Kontaktsituation von Angesicht zu Angesicht zwischen Mutter und Kind für etwas eine Minute unterbrochen. Die Mutter wendet sich ab und zeigt dem Kind dann ein versteinertes, ausdrucksloses Gesicht.
Das Kind reagiert darauf in verschiedenen Phasen: Zunächst versucht es mit verschiedenen Methoden wieder die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen, schließlich reagiert es mit körperlichem und emotionalen Rückzug.

Diese Situation simuliert die Interaktion beispielsweise depressiver Mütter, von denen man weiß, dass sich ihr zurückgezogenes und wenig responsives (Reaktion zeigendes) Verhalten negativ auf die kindliche kognitive und emotionale Entwicklung auswirkt.
Auch unsicher gebundene, nicht ausreichend feinfühlige Mütter können diese Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben.
Langfristig können immer wieder erfolgende derartige Abbrüche von erlebter Gemeinsamkeit zu Störungen des Sozialverhaltens und anderen psychischen Störungen beitragen.

Schaut eine Mutter plötzlich auf ihr Smartphone, z.B. weil eine SMS, Mail, WhatsApp etc. eingetroffen ist, geschieht nicht anderes als im Still-face-Experiment. Die Kinder heischen nach Aufmerksamkeit, verzweifeln zunehmend, immer wieder die Konkurrenz gegen die Maschine zu verlieren, schreien erregt und wenden sich schließlich frustriert ab – oder versuchen in den Besitz des begehrten Objektes zu gelangen.

Solche Unterbrechungen der Eltern-Kind-Interaktion durch den Smartphone-Gebrauch sind mittlerweile wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass durch die mütterliche Mediennutzung die Reaktionsfähigkeit und das pädagogische Verhalten der Mütter während der Unterbrechungsphase abnimmt. Die Qualität des Eltern-Kind-Kontaktes leidet und damit die Qualität der Elternschaft. Weitere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen der Nutzung des Smartphones zur Beruhigung kleiner Kinder und deren Verhaltensauffälligkeiten.
Das empathische, sich einfühlende, herabregulieren von Erregungszuständen kann nur Co-reguliert, also unter aktiver Mitwirkung eines verständigen Erwachsenen, vom Kind erlernt werden.
Auch langfristige Folgen von übermäßigem Smartphone-Gebrauch sind mittlerweile veröffentlicht: sie umfassen Depressionen, Angstzustände, Zwangsstörungen, ADHS, Alkoholprobleme, Schwierigkeiten bei der Regulation von Emotionen und Aufmerksamkeit, Impulsivität, beeinträchtigte intellektuelle Funktionen, Abhängigkeit von sozialen Netzwerken, Schüchternheit, geringes Selbstwertgefühl, Schlafprobleme, verminderte körperliche Fitness, ungesunde Essgewohnheiten, Schmerzen, Migräne, Veränderungen im Volumen der grauen Substanz des Gehirns.

Quelle: Nervenheilkunde 2021, 40, S. 848-852, Thieme Verlag

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