Plötzlich Selbständig – bzw. Ruheständler/in

Viele ältere abhängig Beschäftigte fiebern dem Tag entgegen, an dem sie nicht mehr arbeiten müssen, Rentner/innen oder Pensionär/innen werden. Zwar fühlen sich die ersten Wochen wie Urlaub an; doch wenn das Leben stark auf ein Ziel hin ausgerichtet war, fehlt bei Erreichen des bisherigen Zieles plötzlich ein Ziel, eine Hoffnung, eine Zukunft, ein Sinn. Nach dem kurzen Gefühl der Befreiung, folgt eine Leere. Unvorbereitet jedenfalls fallen viele in ein psychisches Loch. Denn plötzlich ist die gewohnte, von außen vorgegebene Tagesstruktur weg, keiner gibt mehr Aufgaben vor, die vertraute Routine passt nicht mehr in den neuen Lebensabschnitt. Neues muss gefunden und erfunden werden!
Von Heute auf Morgen ist man gezwungen selbständig zu entscheiden, was man für sinnvoll hält, was man tun möchte, wie man seine Zeit einteilt, wie man seinen Tagesablauf selbst organisiert; muss entscheiden, wen man trifft und über was man redet.
Ohne die gewohnten Kontakte mit Kolleg/innen kann man sich einsam fühlen, ohne Aufgabe nutzlos und unausgefüllt erleben und ein Gefühl der Leere bis hin zur Depression kann sich ausbreiten.
Es macht also Sinn, sich bereits vor dem Ruhestand Gedanken darüber zu machen, wie man seine noch verbleibende Lebenszeit nutzen will – ohne im bevorstehenden letzten Lebensabschnitt ängstlich auf den Tod zu warten.

Soll man voll bis zum letzten Tag arbeiten und von 100 auf 0 umschalten?
Ist es besser, sich schleichend zu lösen und seine Arbeitszeit allmählich auf Teilzeittätigkeiten zu reduzieren?

Eine allgemeine Antwort auf diese Fragen gibt es nicht.
Jede/r muss da für sich schauen, was für seine Persönlichkeit passend erscheint und was finanziell machbar ist.
In jedem Fall aber gilt: der Lebensabschnitt ohne bezahlte Berufstätigkeit bedarf gründlicher Vorbereitung. Denn in diesem Teil des Lebens ist man selbst der Chef und die/der muss Selbstorganisation, wie jeder andere, zuerst lernen.
Allerdings gibt es für die Gestaltung des Ruhestandes keine Lehre, keine Gesellenzeit, keinen Meisterbrief oder einen Universitätsabschluss. Allgemein wird stillschweigend gehofft, dass einem die Schule des Lebens hinreichend Mittelt an die Hand gibt, um sich den Lehrplan selbst zu schreiben. Manchen gelingt das, anderen weniger.

Damit sich die neue Bedeutungslosigkeit nicht zu einem emotionalen Tief entwickelt, gilt es, je früher, desto besser – ein Jahrzehnt, spätestens 2 Jahre vor dem Ende des Berufslebens, mit den Vorbereitungen und Planungen zu beginnen.
Ganz wichtig ist es, sich eine Tagesstruktur, einen Stunden- und Tagesplan, zu erstellen. Das gibt Halt.
Zum Beispiel: Nach dem der Wecker geklingelt hat, Yoga oder Sport, Frühstück, Spaziergang in der Natur, Mittagessen, Büroarbeit oder Ehrenamtstätigkeit, Kaffeetrinken mit Freunden und am Abend mit der/dem Partner/in ins Kino oder Theater, in den Lesezirkel oder zum Schachspielen.
Falls sich eigene Ideen nicht einstellen wollen, hilft Anregung von außen.
Fragen die helfen könnten sind z.B.: Wie soll mein Lebensabend aussehen? Was ist mir wichtig? Was kann ich mir leisten? Wie sieht es mit meiner Gesundheit aus? Auf welchen Sinn richte ich mich aus? Wohin will ich noch? Was will ich noch erleben? Wohin will ich mich noch entwickeln? Wo liegen meine Fähigkeiten? Welche meiner/unserer Interessen sollen in den Vordergrund gerückt werden? Mit welchen Menschen möchte ich mich umgeben? Welche Ideen und Wünsche hat mein/e Partner/in? Wie lassen sich unsere vielleicht unterschiedlichen Vorstellungen unter einen Hut bringen? Wie sieht es mit der übrigen Familie aus, wie mit sonstigen sozialen Kontakten, Freunden, Nachbarn? Was gibt es an die Nachfolgenden weiterzugeben? Hätte ich Lust auf ein Ehrenamt?
Sinnvoll – in jedem Fall – ist es, Ziele SMART zu denken:

Ideengeber könnte auch das SES = Senioren Experten Service sein. Dort werden Fachleute im Rahmen von Zeitjobs ins Ausland vermittelt. Auch über die VHS, den Biebertaler Geragogen, die Seniorenwerkstatt oder in Sport- und Wandervereinen etc., Kulturbüros, dem Biebertaler-Bilderbogen.de oder dem BiebertalerTechnikTreff.de finden sich Gruppen, in denen man auf gleichgesinnte Gleichaltrige und andere treffen kann.
Also nicht unterschätzen, der (un)Ruhestand ist eine große Chance, Dinge zu tun und zu erleben, zu entwickeln, für die früher keine Gelegenheit war.

Fotos: Pixabay, Synapsenstau.de
anregende Quelle: Sabine Meuter, Sinn und Struktur finden

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