Angst, Dein Freund und Helfer (4)

Ein weiterer Beitrag zu einer Veranstaltung der Kulturinitiative Biebertal am 7. Juli 2022 in der Mehrzweckhalle Vetzberg, der so vermutlich nie gehalten werden wird, der lediglich eine weitere Beschäftigung mit diesem komplexen Thema ist.

Guten Abend, 

heute Abend wollen wir uns mit dem Thema Angst und ihren guten Seite beschäftigen …
die da – neben dem oberflächlich unangenehmen Gefühl – wäre: Angst hilft unser Leben zu sichern.
Daneben werde ich mich mit der Art unseres Denkens und Urteilens, sowie deren Fehlerquellen dabei beschäftigen.

Neugier – Intuition – Angst

Beginnen möchte ich mit einer Definition von Intuition, die der Kognitionsforscher, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und Experte zu Entscheidungsfindungen in Organisationen Herbert Simon eingeführt hat:
„Die Situation liefert einen Hinweisreiz; dieser gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben Antworten“, zeigen mögliche Lösungswege auf, die es dann bewusst zu durchdenken und anzupassen gilt. Intuition ist also nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen.

Neugier (Quelle: picsels)
Intuition
incl. Fehlerquellen
(Quelle: picsels)

Gesichtsausdruck von Angst
(Quelle wikipedia)

Angst beruht in diesem Sinne tatsächlich auf einer Intuition, auf sehr schnellem, unbewusst ablaufendem Wiedererkennen. Ohne dieses Wiedererkennen gibt es keine Angst, nur Neugier / Forschergeist.
Sie alle werden wissen, dass sich nahezu alle kleinen Kinder die Finger an einer Kerze verbrennen. Das Licht ist faszinierend und beflügelt die kindliche Neugier (=primärer). Ohne Vorerfahrung mit dem Kerzenlicht fassen sie beherzt und ohne Angst in die Flammen … und verbrennen sich die Finger. Der Schmerz ist nun eine sehr beeindruckende Erfahrung, die für alle Zukunft Vermeidungsverhalten, Vorsicht bis Angst (=sekundär) auslösen wird.
„Die Situation liefert einen Hinweisreiz; dieser gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben Antworten“.
Ob die Antworten aus dem Damals der Urerfahrung als sinnvolle Antwort auf die konkrete Herausforderung im heutigen Kontext passen, steht auf einem ganz anderen Blatt – bedarf der bewussten Überprüfung.
Diese beiden Schritte des unbewussten schnellen und langsamen bewussten Denkens spielen für die Qualität und die Passung unserer Entscheidungen einen bedeutende Rolle – dazu noch deutlich mehr im folgenden Text.

Angst ist ein Gefühl der Nervosität, Besorgnis oder Unsicherheit, die ein normales menschliches Erlebnis darstellt.
Sie ist auch in einer Vielzahl von psychiatrischen Erkrankungen vorhanden. Auch wenn jede dieser Störungen anders ist, können sie alle mit Leid und Funktionsstörungen einhergehen, die mit Stress zusammenhängen.

Angststörungen

Das Verhältnis von Angst und Leistungsfähigkeit (Quelle: msdmanuals)

Heutzutage gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, die europaweit jährlich circa 63 Milliarden Euro an Kosten verursachen. Ungefähr 15% der deutschen Bevölkerung leidet im Laufe des Lebens an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Das betrifft etwa 12 Millionen Menschen!
Die Statistik zeigt, dass die Lebenszeitprävalenz – also der Anteil der Bevölkerung, der mindestens einmal im Leben unter Angststörungen gelitten hat – in Deutschland bei etwa 25 % liegt.
Dabei spielen genetische Komponenten, die unter gewissen Umständen wirksam werden können eine Rolle. So haben Angehörige ersten Grades von Patienten mit einer Angststörung ein 3-5fach erhöhtes Erkrankungsrisiko im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung. Aber auch Umweltbedingungen als solche spielen eine Rolle; so entwickeln z.B. Kinder mit Trennungsangst im Verlauf ihres Lebens überzufällig häufig eine Panikstörung.

Nicht selten leiden Menschen mit einer Angststörung zudem auch an einer Suchterkrankung, (Eigentherapie mit Alkohol, der wärmt und beruhigt) oder an einer Depression; denn die anhaltende Aktivierung und Anspannung erschöpft jeden irgendwann.

An behandlungsbedürftigen Angststörungen leiden ca. 15 von 100 Menschen;
aufgeschlüsselt nach konkreten benennbaren (Phobien) und diffusen Ängsten.

Begriffserklärungen:
Panikstörung = plötzliche heftige Angstattacke, ohne offensichtlichen Grund
Phobien = z.B. Angst vor Spinnen, Mäusen, Herzinfarkt, Agoraphobie =Platz- oder Höhenangst usw. (Liste)
Soziale Phobie = Angst z.B. zu Erröten, ausgelacht zu werden, schweißnasse Hände zu haben
Generalisierten Angststörung = unspezifische Angst
Angststörung NNB = nicht näher benannt; irgendeine Angststörung = z.B. Angst vor Krankheit, mit Freunden zu telefonieren, Angst vor der Angst, Angst während einer Erkrankung, usw.

Die gute Nachricht:

Angststörungen lassen sich in der Regel recht gut behandeln: durch Aufklärung, wodurch man sich und seine Reaktionen besser verstehen und damit angemessener einschätzen lernt, und dadurch, dass man sich – bei kalkuliertem Risiko – der Angst stellt und erlebt, ob die aus dem Wiedererkennen gestellten Zukunftsprognosen tragfähig sind.
Die Rahmenbedingungen sollten also hinreichend wahrscheinlich sicher sein.
Aus dem Fenster im 5. Stock zu springen, um zu prüfen, ob die Höhenangst berechtigt ist, ist lediglich dumm.

Realangst ist eine angemessene Angst in einer realen Bedrohungs- oder Gefahrensituation.
Lampenfieber hilfreiche Anspannung vor einem öffentlichen Auftritt (Eu-Stress)
Daneben gibt es Ängste, die auf Gedanken basieren, die mit Erwartungen, entwicklungsgeschichtlich ererbten oder persönlichen (auch sehr sehr frühen, nicht mehr erinnerbaren) Erfahrungen zu tun haben.

Das kleine Gruseln erleben

Hier möchte ich Sie gleich zu einer praktischen Erfahrung einladen:
Auch wenn meine Einladung im Grunde völlig ungefährlich ist, wird es manch einem von Ihnen vermutlich doch ein wenig Gruseln bereiten.

Bitte stehen Sie auf und sortieren sich im Raum – nach Frauen (an dieser Tür) und Männern (an jener Tür).

Frauen sind von Angststörungen häufiger betroffen als Männer, 2/3 zu 1/3.

Bitte sortieren sie sich nun um im Raum zu dieser bzw. zu jener Tür:

  • Wen von Ihnen hat diese Aufforderung, sich hier im Raum zu bewegen beunruhigt? – Wen nicht?
  • Wer hatte schon Ängste allein – mit anderen zusammen?
  • Wer im beruflichen – wer im privaten Kontext
  • Vor Tieren – in sozialen Situationen mit Menschen

Auswertung

Bei der Aufforderung, sich zu bewegen, gab es bei manch einem von Ihnen ganz bestimmt ganz spontane Stimmungen, wie Lust mitzumachen oder Unbehagen. Hinzu kam dann ein gewisser Zeit- und Gruppendruck, da sich die ersten Menschen bereits bewegten, der Aufforderung folgten, so dass innerlich vielleicht kurz ein Konflikt spürbar wurde. Die meisten von Ihnen folgten dann dem Impuls, sich einzufügen, dazuzugehören und mitzumachen. Auch Überraschung werden einige verspürt haben, schließlich sind Sie zu einem Vortrag gekommen, nicht zu einer Selbsterfahrungsveranstaltung.
Vielleicht haben Sie sogar eine Gefahr verspürt und ein wenig Angst- oder eine Stressreaktionen bemerkt.

All das waren die in unserem entwicklungsgeschichtlich alten Mittelhirn sehr schnelle, aber unspezifisch und unbewusst ablaufende Reaktionen, die System-1-Reaktionen genannt werden. Dass Sie sich dessen gewahr wurden, beruht auf den bewussten, aber langsamer, dafür aber spezifischer arbeitenden Prozessen im evolutionär noch jungen Großhirn, im System-2.

Alle, die sich bewegend mitgemacht haben, aber auch die, die sitzen geblieben sind, waren mutig und haben sich mit ihrem inneren Zustand gezeigt. Sie haben eine herausfordernde Situation gemeistert.
Zudem haben Sie erfahren, dass Sie mit Ihrem Erleben nicht allein sind und insgesamt könnte sogar Ihr Selbstvertrauen etwas gewachsen sein.
Das kommt dann allerdings sehr darauf an, welche Geschichten Sie sich gerade über sich und Ihr Tun erzählen und welche Information Sie gerade bewusst oder unbewusst als Erinnerung in ihren internen Speicher einstellen.
Man kann sich das vorstellen wie ein neues Kleidungsstück, dass Sie sich in den Schrank hängen. Das Kleidungsstück (oder die Erinnerung) ist dann da, unabhängig davon, ob und wie sie die später nutzen oder nicht. In jedem Fall ist ein Eindruck da, der wiedererkannt werden kann.

Unsere Denksysteme

Das schnelle, assoziative und weitgehend unbewusste System 1 wurde von der Evolution so ausgeformt, dass es Situationen fortwährend bewertet, um die Hauptprobleme zu lösen, die das Überleben des Organismus sichern:
                                    Wie ist die Lage?
                                    Gibt es eine Bedrohung oder eine größere Chance?
                                    Läuft alles normal?
                                    Sollte ich mich nähern, oder sollte ich ausweichen?

Diese Fragen haben heute vielleicht nicht mehr die gleiche Dringlichkeit, wie für eine Gazelle in der Savanne, aber wir haben diese bewährten Mechanismen geerbt und nicht abgeschaltet.
So sind wir ständig damit beschäftigt nach positiv oder negativ zu schauen, so dass wir immerzu bereit sind, entsprechende Flucht- oder Annäherungsreaktionen auszulösen.

Dabei führen bei Menschen gute Stimmung, der Eindruck von Vertrautheit, das Gefühl geringer Anstrengung (kognitiver Leichtigkeit) wie auch Stimmigkeit (Kongruenz) innerhalb einer Geschichte, die wir uns konstruieren oder die Einschätzung, Zusammenhänge zu verstehen, zu positiven Bewertungen, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Irritierendes und negativ oder unlustvoll (aversiv) beurteiltes löst hingegen sofort Orientierungsreaktionen und Anspannung aus, führt zu erhöhter Wachheit (Vigilanz) und Reaktionsbereitschaft; Überraschung löst aber auch Lernprozesse aus.
Manche Typen von Intuitionen (Wiedererkennen) werden sehr schnell erworben; z.B. haben wir von unseren Ahnen die Fähigkeit geerbt, sehr schnell zu erkennen, wann wir uns Fürchten müssen. Oft reicht eine einzige Erfahrung, um eine langfristige Abneigung (Aversion) oder Furcht zu erzeugen. Zudem können Ängste leicht durch Wörter gelernt werden.
Andere Typen von Intuitionen, die zu echter Expertise führen, bedürfen langwieriger Lernzeiten und Übung – wie Lesen z.B. oder Berufe erlernen.

Ungute Reaktionen

Unangenehmes, nicht lustvoll erlebte Gefühle oder Symptome, Ängste z.B., wollen viele Menschen lieber (schnell) weg haben, so wie man nicht mehr geliebte Kleidungsstücke entsorgen würde.
Historische Einträge in unseren Erinnerungen lassen sich jedoch nicht löschen … auch wenn Erinnerungen – je nach Bedarf in der aktuellen Situation – durchaus umgeschrieben und retuschiert werden. Es sogar so dass menschliche Urteile ein hohes Maß an Inkonsistenz (= etwas hat nicht lange Bestand oder ist logisch widersprüchlich) aufweisen.
So können wir uns in der Regel nicht mehr an die Zustände erinnern, die zu Entscheidungen geführt haben, wenn wir das Ergebnis unserer Entscheidung später kennen.
Weghaben wollen jedoch löst immer Widerstände aus und wirkt letztlich verstärkend auf das, was nicht gewollt wird. Denn wenn immer wir uns mit einem Thema beschäftigen – egal ob positiv oder negativ bewertet oder gestimmt -, wirkt das verstärkend auf die neuronalen Verbindungen; das Thema wird sozusagen in der Wiedervorlage gehalten.
Als unerledigte Aufgabe, nutzt der Körper dann jede Gelegenheit, das Thema wieder ins Bewusstsein zu rücken, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die das Thema verdient. Erst wenn eine Aufgabe angemessen gewürdigt ist und zu einem sinnvollen Ende gebracht wurde (was nicht immer „Problem gelöst“ heißen muss). Erst dann kann der Vorgang in die Ablage, aus der das Thema nur in notwendigen Situationen wieder hervorgeholt wird.

Um derartige wichtigen Umstände zu erkennen, scannt unser schnelles System 1 ständig unsere Umgebung ab und sucht assoziativ die Gedächtnisnetzwerke (unsern Informationsschrank mit Reaktionsmustern) durch, konstruiert in sich konsistente (in sich stimmige), glaubwürdige Zusammenhänge – oft ín Ursache-Wirkungs-Modellen -, um uns gut durch den Alltag zu bringen.
Oft sind die Schlüsse aus vergangenen Erlebnissen, die zu Zukunftserwartungen führen hilfreich – zumindest in Standardsituationen oder relativ stabilen Umgebungen.
Da die Welt sich dreht, die Umstände und unsere Mitspieler sich ändern, gibt es bei unseren Vorhersagen aber auch eine ganze Reihe von systematischen Fehlerquellen, denen unsere intuitiven schnellen Beurteilungen unterliegen:

  • z.B. nur das was mir gerade präsent ist, ist (in meinem Bewusstsein) da. (Aufmerksamkeitsfokussierung)
    Andere wirksame Faktoren, die mir nicht bekannt sind, die aber wirksam sind, berücksichtige ich nicht; ebenso bleiben oft die Menge (Quantität) und Qualität der Daten, auf denen eine Geschichte beruht belanglos.
    Unterdrückung von Ambiguität (zwei-) oder gar Mehrdeutigkeit und Zweifel.
  • Vorliebe, Aussagen zu glauben, die die eigen Meinung bestätigen und das Wir-Gefühl einer Gruppe stärken.
  • Interpretationen sind häufig von Emotionen bestimmt, die mit dem ersten Eindruck zusammenhängen. (Halo-Effekt)
  • Je weniger Informationen ich habe, um so besser lassen sich schlüssige (konsistente) Geschichten daraus erfinden – weil sie nicht durch störende weitere Fakten in Frage gestellt sind.
  • Wie optische Täuschungten wie z.B. die Müller-Lyer-Illusion der gleichlangen Striche gibt es auch Gedächtnis-Täuschungen, die mit dem Gefühl der Bekanntheit, Vertrautheit und Mühelosigkeit verbunden sind.
  • Selbstüberschätzung spielt bei Urteilen oft eine Rolle;
    selbst wenn Brokern ihr Glücksspiel statistisch nachgewiesen werden kann, glauben sie an den Wert ihrer Arbeit und verleugnen die Fakten.
  • Framing (Rahmungs-)Effekte, also Darbietungsformen von Informationen spielen bei Einschätzungen eine wichtige Rolle: bei einer 98 %igen Erfolgswahrscheinlichkeit einer OP stimmen wir eher zu, als einer 2 %igen Misserfolgsrate.
  • Nicht alle Bewegungen hängen ursächlich (kausal) zusammen, manche treten lediglich zur gleichen Zeit (korrelativ) auf, so dass Fehlschlüsse nahe liegen.
    Auch wenn in den 60 Jahren die Geburtenrate wie auch die Zahl der Störche in Deutschland zurückging, gab es da keinen kausalen Zusammenhang, obwohl die Eltern ihren Kindern damals noch erzählten, die Kinder würden von Storch gebracht. – Es war die Anti-Baby-Pille auf den Markt gekommen und zeitgleich wurden viele Wiesen drainiert, so dass es weniger Frösche in den dann nicht mehr vorhandenen Feuchtwiesen gab und die Population der Störche zurückging.
  • Vorhersagen aus extremen Messwerte oder kleinen Fallzahlen führen häufig zu Über- oder Unterschätzungen;
    Halo-Effekt, wie auch Regression zum Mittelwert oder Basisraten werden oft nicht bedacht.
  • Illusionen von Wahrheit lassen sich durch viele Wiederholungen erzeugen;
    auch Bekannteres oder Schriftliches (dauerhaftes) wirken ebenso wie klare Darstellung oder geprimte (vorbereitete) Vorstellungen glaubwürdiger, vertrauenerweckend – unabhängig vom Wahrheitsgehalt.
    Siehe Werbung oder Bilder von Machthabern allenthalben in der Öffentlichkeit
  • Normen verführen zu voreiligen Schlussfolgerungen – der Kontext beeinflusst die Interpretation jedes Elements
    z.B. Vexierbilder
  • Erschöpfung und Glukosemangel im Gehirn führen überzufällig häufig zu Standardlösungen, denn zu genauem Hinschauen.
    z.B. fallen Urteile bei Gericht im Zusammenhang mit der letzten bzw. nächsten Mahlzeit anders aus.
  • Durch unsere selektiven Einträge über unsere Welteindrücke, die mehr sind, als wir verarbeiten können, entstehen narrative Verzerrungen – wie auch durch die Wortwahl (entsprechend der Kleiderauswahl, die wir in den Schrank hängen. Bevorzugen wir eine Farbe, färbt sich der Gesamteindruck von Speicherschrank in diese Richtung); es entstehen Gestimmtheiten = bestimmte „farblich getönte Brillen“, durch die wir die Welt sehen.
  • Wir neigen dazu von bestimmten Merkmalen auf andere zu schließen;
    Ein sympathischer Mensch ist nicht auch zwangsläufig besonders fähig oder zuverlässig usw.
  • Oft werden schwierige Fragen bei der Beantwortung unbewusst ersetzt, indem Fragen beantwortet werden, die leichter zu beantworten sind – z.B. statt die kniffelige Frage zu durchleuchten, antwortet man nach Faustformel.
    (Heuristiken, verkürzte kognitive Operationen, mit deren Hilfe Schlussfolgerungen gezogen werden, ohne komplizierte und vergleichsweise langwierige Algorithmen einsetzen zu müssen.)
    Zielfrage: Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrem Leben? Heuristische Frage (Ersetzung) Wie ist meine Stimmung gerade? oder: Zielfrage: Wie viel sind Sie bereit auszugeben, um eine bedrohte Art zu retten? Heuristische Frage: Wie sehr berührt es mich, wenn ich an sterbende Delfine denke?
  • Sehr häufig vernachlässigen wir statistische Wahrscheinlichkeiten und vertrauen mehr unserem Gefühl – selbst wenn es offensichtlich nicht stimmt.
    z.B. gibt es mehr Farmer als Bibliothekare in den USA, auch wenn eine Beschreibung durchaus auf das Profil eines Bibliothekars hinweist, ist es wahrscheinlicher, dass auch ein Farmer diese Merkmale aufweist.
  • Rückschaufehler entstehen, wenn Entscheidungen in der Vergangenheit mit dem Wissen von Heute bewertet werden, so, als hätte man das Ergebnis damals schon wissen können.
  • Die Einflüsse von Zufällen werden deutlich unterschätzt. Stattdessen werden gerne kausale Erklärungen konstruiert, die unserem Bedürfnis nach Ordnung mehr entsprechen.
  • Die Illusion, die Vergangenheit zu verstehen, führt dazu, die Zukunft für vorhersagefähig zu halten.
  • Wenn, sind Vorhersagen nur dann eher vertrauenswürdig, wenn die Umgebung hinreichend regelmäßig ist und wenn diese Regelmäßigkeiten durch langjährige Übung vertraut gemacht wurden und die mögliche Wahrscheinlichkeit der Gültigkeit abgeschätzt wurde – was nicht gilt, wenn außergewöhnliche Ereignisse (Beinbruch-Regel) auftreten. Dann sind die Hypothesen zu verwerfen.

Besser verstehen

All das hängt mir unserer Evolutionsgeschichte und unserer Anatomie zusammen:

Noch ein kurzes Experiment, bei dem Sie ruhig sitzen bleiben können.
Bitte schauen Sie zu Ihrem Sitznachbarn.
Dort können Sie sehen und sich bewusst machen, dass Augen, Ohren, Nase, Mund auf etwa gleicher Höhe liegen.
Vielen Dank, das war´s schon mit dieser kleinen Übung.

Unsere wichtigen Sinnesorgane liegen also ganz nahe an unserem evolutionsgeschichtlich alten Mittelhirn; dort wo das Limbische System und die Amygdala , die viel mit Gefühlen zu tun haben. Auch das was Sie tiefer im Körper spüren muss, über das Rückenmark kommend, durch diese Region, bevor die Information an das deutlich jüngere Großhirn geleitet und dort noch einmal bewertend betrachtet wird.
Entwicklungsgeschichtlich gewachsen entscheidet das Mittelhirn irrational (ohne Ratio, „unvernünftig“. aus Ansichten, Handlungen, Gefühle usw., die nicht durch logisches Denken (Ratio) entstanden sind), je nach Motivations- und Stoffwechsellage – ob Sie z.B. Hunger haben, sexuelle Appetenz verspüren, müde sind, usw. – welche Informationen vorrangig zum Großhirn weitergeleitet werden.

Beim Durchleiten zum Bewusstsein finden also lange nicht alle Informationen Eingang in unser Bild von der Welt. Je nach Perspektive, Aufmerksamkeitsfokussierung, Interessenlage, Motivation, Prioritätensetzung, Vorwissen, Erwartungen, Bildungsstand usw., wie auch die Art und Weise unserer Beschreibung bestimmen darüber, was und wie wir unserer Kenntnis von der Welt organisieren.
Damit repräsentiert unser Weltbild nicht die Gesamtheit aller Informationen oder zeichnet unsere Geschichte wie eine Kamera auf, sondern unser Gehirn präsentiert uns von Fall zu Fall relevant erscheinende Ausschnitte und bietet diese als ein passendes Ganzes an – oft in ursächlich erscheinenden Folgen.
Dabei kennen wir die Geschichte weniger, als wir meinen und sind damit auch in unseren Vorhersagen nur in Standardsituationen relativ gut. Insbesondere in neuen oder ungewöhnlichen Situationen sind Fehleinschätzungen nahezu vorprogrammiert und Nachkorrekturen notwendig.
Hinzu kommt, dass wir in unseren Reaktionen zwei verschiedenen Arbeitsmodi unterwegs sind: mit einem schnellen, eher unspezifischen und unbewusst ablaufenden Denksystem I und einem relativ langsamen, aber spezifischen System 2, das die Fähigkeiten des bewussten Denkens und mathematischer Fähigkeiten nutzt.
Beide Systeme helfen – jedes auf seine Weise – unser Überleben zu sichern.

Das Gute am „Schlechten“

Die Angst ist einer unser speziellen Verbündeten:
es ist ein schnelles Reaktionsmuster, das auf mögliche Gefahren verweist und hilft damit fertig zu werden.

Was passiert, wenn wir Angst bekommen?

Wird eine reale, konkrete und akute Bedrohung oder auch irgendeine Anomalie in unserer Umgebung wahrgenommen, die aufgrund unserer gespeicherten Informationen als Bedrohung gedeutet wird … aber auch wenn die Erwartung einer Gefahr phantasiert wird, löst das im Körper sehr schnell Schutzreaktionen aus.

Auf den potentiell bedrohlich wirkenden Reiz hin werden prompt Hormone in die Blutbahn abgegeben und nervliche Impulse zu den Muskeln und Organen ausgelöst, die dafür sorgen, dass umgehend mehr Energie produziert wird, damit das anstehende Problem gelöst werden kann. Sofort sind wir wacher, aufmerksamer, fokussierter.
Währenddessen sucht unser schnelles assoziatives Gedächtnis (System 1) nach bekannten Lösungsmöglichkeiten.
Eine derartige Stressreaktion ist allerdings evolutionär auf kurze Sprints ausgelegt, denn auf chronische Belastung, wie wir sie heutzutage gehäuft in unserer Lebenswelt vorfinden. Daher kann das eigentlich schützende Reaktionsmuster auch krank machen.

Möglicherweise haben Sie vorhin in der ersten Übung mitbekommen, dass sich das Positionieren/ ein „sich zeigen“ anfangs eher unbehaglich angefühlt hat, … dass aber im Laufe der Übung die muskuläre wie psychische Anspannung nachließ, da sich eine gewisse Vertrautheit mit der Situation eingestellt hat und der Eindruck, es sei tatsächlich ungefährlich.

Oft ist es die Angst, die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben, die immer stärker wird … dann aber nach einigen Minuten ihren Höhepunkt erreicht und meist von selbst wieder abklingt.
Irgendwann sind in einem biologischen System eben die Energiereserven verbraucht und wenn man dann noch lebt, ist alles gut gegangen.
Während der Prozess jedoch im Gange ist, erlebt man starke körperliche Symptome wie Herzrasen, das Gefühl der Atemnot, Schwindel, Übelkeit oder Durchfall, kalten Schweiß auf der Haut. All das wirkt oft zusätzlich beunruhigend und scheint die Relevanz, die Sinnhaftigkeit der Angst zu bestätigen.
Diese Selbstwahrnehmungen sind allerdings nur die physiologischen, also gesunden Auswirkungen einer starken Aktivierung des Organismus: um mehr Energie zu produzieren, müssen Zucker und Sauerstoff in die Zellen transportiert werden (Insulinausschüttung, verstärkte Atmung, Puls- und Blutdruckerhöhung). Wir blasen sozusagen unser Stoffwechselfeuer an, dabei wir uns warm, so dass, um die Körpertemperatur bei 37 Grad zu halten, mit Schwitzen Verdunstungskälte erzeugen. Zudem wird der Blutfluss im Körper verändert: die Muskeln – die früher zur Flucht oder im Kampf eine wichtige Rolle spielten – werden stärker durchblutet, während die Blutzufuhr zu einigen Bereichen des Gehirns und des Verdauungstraktes gedrosselt werden. Denn diese beiden sind die größten Verbraucher von Energie – mit dem im Gehirn produzierten Strom z.B. könnte man den lieben langen Tag eine 25 Watt-Glühbirne betreiben. Das Gefühl des Schwindels, der Übelkeit oder der Drang auf´s Klo vor einer Prüfung hängen damit zusammen; ebenso schwinden unsere kreativen Denkfähigkeiten.
Der sich einstellende Tunnelblick ist z.B. auf den rettenden Ast gerichtet, der erreicht werden muss, um nicht gefressen zu werden – oder auf den Postkasten fixiert, wenn ein offizielles Schreiben erwartet wird.

Umgang mit der Angst

Angst ist sinnvoll und notwendig – auch wenn Sie den aktuellen Anlass nicht erkennen; Ihr Unbewusstes hat da etwas erkannt, wiedererkannt, das für Sie, Ihr System ICH gefährlich ist, sein könnte oder war.
Reagieren Sie so, dass Sie sich erst einmal in Sicherheit bringen, um dann zu prüfen, ob jetzt, früher oder in Zukunft Gefahr droht. Atmen Sie ruhig, bewusst, tief und besonnen Ein und Aus. Damit gewinnen Sie schon einmal die Kontrolle im Hier und Jetzt zurück. Zudem sorgt das bewusste in den Bauch atmen dafür, dass Sie sich beruhigen und wieder klar denken können. Mehr Sauerstoff heißt aber auch, kräftiger, fitter, wacher und reaktionsfähiger zu sein, so dass Sie sich (heute, erwachsen) der Lösung dieser Herausforderung stellen können.

In einer Therapie lernen Betroffene, angstauslösende Situationen. Gedanken, Worte, Umgebungen, Mitspieler und Gefühle zu erkennen sowie reale von virtuellen / vorgestellten Bedrohungen zu unterscheiden, um dann zu erlernen, wie sie Ihre “Angstprogramme“ unterbrechen, umschreiben und auf neuronaler Ebene nachhaltig verändern können.
Es gilt, sich aus der selbst hergestellten, für sich konstruierten Beschreibung ein Opfer zu sein, herauszukommen und sich wieder als Selbstwirksam und gestaltend zu erkennen.
Es macht einen Unterschied, ob man eine Situation als Gazelle oder als Löwe betrachtet.
z.B. ist Flucht für die Gazelle eine gute Reaktion, für den Löwen ist eine solche Entwicklung weniger erfreulich.

In der Regel gilt: Je früher man Hilfe in Anspruch nimmt, desto größer und schneller sind die Chancen auf Wiederherstellung einer guten Gesundheit!

Prozessverarbeitung im Gehirn

Im Gehirn vergeht keine Zeit. Alle verfügbaren Informationen sind jetzt da.
Damit arbeitet System 1 so, dass es selbst aus dürftigen Informationen automatisch weitreichende Schlussfolgerungen zieht; es ist aber nicht imstande, zu ermessen, wie groß die Sprünge in assoziativen Netzwerk sind, die es beim Folgern und Prognostizieren macht.
Lediglich der Grad der Kohärenz (in sich logisch erscheinend) der in uns entstehenden Geschichte und wie wenig Anstrengung nötig ist (kognitiv erlebte Leichtigkeit) um die Story für uns glaubhaft zu konstruieren, machen den Grad unserer subjektiven Überzeugungen und Meinungen aus – unabhängig davon ob eine Geschichte wahr oder wahrscheinlich ist; auch die Menge und die Qualität der Informationen spielen kaum eine Rolle, da System 1 so eingestellt ist, dass es Zweifel unterdrückt und Ideen bzw. Informationen im Gedächtnis abruft, die mit der aktuell dominierenden Geschichte vereinbar sind.
Angesichts dessen erscheint es absurd, wie fest wir an manche unserer Überzeugungen glauben – z.B. in Bezug auf ängstigende Illusionen.

Eine noch immer verstörende Nachricht

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir uns in unserem Leben selten überfragt fühlen?
Das ist ein bemerkenswerter Aspekt unseres geistigen Lebens. Denn nur selten sind wir mit einer Frage wie „Wieviel ist 17 x 24?“ konfrontiert, wo uns die Lösung nicht auf Anhieb einfällt.

Wissenschaftler diskutieren aktuell lediglich noch darüber ob es bei uns Menschen 98 oder gar 99,9 % sind, die an System 1-Prozessen in unserem Körper und Geist unbewusst stattfinden – also ohne unser Wissen und wollendes Zutun. Anders gesagt:
von all unseren täglichen Entscheidungen treffen wir lediglich 0,1 – 2 % bewusst.

Normalerweise funktioniert unser Geist so, dass wir intuitive Gefühle und Meinungen über fast alles haben, was uns bewegt. So findet man Menschen sympathisch oder unsympathisch lange bevor man mehr über sie weiß; man vertraut oder misstraut Fremden, ohne zu wissen warum usw. und oft haben wir Antworten auf Fragen, die wir nicht vollständig verstehen und stützen uns dabei auf Hinweise, die wir weder erklären noch verteidigen können.

Im krassen Gegensatz zu diesem Befund sind wir Menschen mit dem langsamen, rationalen, sehr präzise arbeitenden, Gedanken an Gedanken reihenden, bewussten Denksystem 2 identifiziert und erleben uns als ein „ICH“ mit freiem Willen.
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Begründer der Psychoanalyse Siegmund Freud behauptet, wir seien „nicht Herr im eigenen Haus“. Damit fügte er der Menschheit mit seinen Thesen zum Unbewussten eine dritte, eine psychologische Kränkung zu; nachdem der Astronom Kopernikus im 16. Jahrhundert mit seiner Erkenntnis, „die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls“ eine kosmologische Kränkung und der Naturforscher Darwin im 19. Jahrhundert, mit der Erkenntnis „der Mensch ist aus der Tierreihe hervorgegangen“ eine biologische Kränkung ausgesprochen hatte.

Ab den 1970er Jahren wurde dann auch experimentell immer klar, wie Recht Freud hatte: bereits etliche Millisekunden bevor Probanden eine ihnen bewusste Entscheidung trafen, war die Bahnung der Handlung im Computertomographen bereits als Aktivität im Gehirn erkennbar. So wird einen geschmeidigen Handlungsablauf möglich.
Ebenso sind unbewusst und deutlich vor einem Tun Gefühle und verknüpfte Erinnerungsfragmente assoziativ mit der Konstruktion einer Zukunftsvorhersage und der Einleitung einer Reaktion beschäftigt.

Zu diesen Befunden nun wieder eine kleines Experiment:
Schließen Sie bitte für einen Moment die Augen und stellen sich folgendes bildlich vor:   – Banane
                                                                                                                                              – Erbrechen Was haben Sie gerade an sich beobachtet?

17 x 24 ist übrigens = 408

Auswertung

In der Übung haben viele von Ihnen vermutlich erleben können, dass nicht nur reale Ereignisse, sondern auch geistige Vorstellungen emotionale und körperliche Reaktionen hervorrufen – etwas schwächer, als in einer echten Situation, aber ganz ähnlich.
Die Begriffe >Banane< und >Erbrechen< haben natürlich nichts miteinander zu tun, aber unser Gehirn macht aus so wenigen Informationen eine kongruente, in sich stimmige Geschichte. Die Gedanken erzeugen dann Gefühle und weitere Reaktionen im Körper, Entscheidungen und Handlungsimpulse.

Denn intuitiv hat Ihr Verstand sehr wahrscheinlich blitzschnell und ohne aktives bewusstes Zutun die Vorstellung von Banane und Erbrechen miteinander in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verknüpft, so dass kurzzeitig ein Würgereiz oder ein Kribbeln im Hals und ein gewisser Ekel gegenüber Bananen spürbar wurde.
Keine Sorge, das geht bald vorbei.  … Keine Angst, das ist gleich vorbei.
Unser Arbeitsspeicher im Gehirn ist nicht besonders groß, so dass die gleich neu auf Sie zukommenden Informationen die Bilder von eben rasch verdrängt haben werden.
Daher sollen Sie jetzt nicht kurz Abschalten oder gar Einschlafen, so dass die neuronalen Netzwerke die Information nicht ins Langzeitgedächtnis verschieben können.

In dieser kurzen Demonstration haben Sie gerade erlebt, dass Körper und Geist untrennbar voneinander sind: beide Systeme sind lediglich sprachlich unterschieden. Sie funktionieren immer zugleich und nie separat.

Weiterhin haben Sie erlebt, wie unser psychischer Apparat mit 2 Systemen arbeitet:
– mit einem schnell reagierenden, sich auf Erfahrungen, Intuition und Assoziationen stützendes, meist unbewusst funktionierenden neuronalen Netzwerk und

– einem langsamen und präzise arbeitenden, deutlich mehr Energie verbrauchenden, bewusste Gedankenketten bildenden System, das mit Anstrengung und erhöhter Aufmerksamkeitsfokussierung die Angebote des ersten, schnellen Systems modifizieren, unterdrücken oder annehmen kann.

Wenn wir nämlich jetzt unser bewusstes System 2 zuschalten, taucht die Frage auf:
            Wie häufig ist Ihnen schon einmal nach dem Verzehr von Bananen schlecht geworden, so dass Sie sich übergeben mussten?

Bei genauerer Betrachtung ist der Zusammenhang von Banane und Erbrechen also eher unwahrscheinlich. Dennoch erscheint uns der Zusammenhang, die von System 1 angebotene Erklärung: Banane erbrechen im ersten Moment durchaus möglich, einleuchtend und glaubwürdig.

Noch einmal zu unserem psychischen Apparat

Für seine eigentliche Aufgabe, unser Leben zu schützen, durchforstet das schnelle System 1 unser Gedächtnis nach verfügbaren Informationen und sucht nach Ähnlichkeiten, Normen, nach einer Kontinuität in Zeit und Raum sowie nach Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und konstruiert eine plausible in sich konsistente Geschichte für ein intuitiv wahrscheinlich passendes Szenario – inclusive Lösungsangebot.
Sehr häufig passen diese angebotenen Reaktionsmuster, so dass wir unseren Alltag ohne hohen energetischen Arbeitsaufwand bewältigt bekommen.

Immerhin verbraucht unser Gehirn ca. 20 % unseres Tagesenergiebedarfs und ist damit einer der größten Energieverbraucher im Körper. (Immerhin könnte man mit dem Gehirn über die Nervenbahnende fließenden Strom einen ganzen Tag lang eine 25 Watt Glühbirne betreiben.)

Die von System 1 aus dem Erinnerungsfeld der Vergangenheit angebotenen Reaktionsmuster passen allerdings nicht immer zur aktuellen Situation, so dass Fehlurteile vorkommen – z.B. wenn wir gute Laune haben oder hungrig sind und weniger geneigt nachzudenken, oder wenn Informationen oder Erfahrungen häufiger wiederholt werden (z.B. bei der Expositionstherapie mit Angstpatienten), oder wenn Vorstellungen gebahnt (Priming) wurden, wenn einem etwas vertraut vorkommt, wahr erscheint oder mühelos erreicht werden kann.

Hier noch ein Beispiel dazu, damit der Vortrag nicht so trocken endet:
Linda, 32 Jahre alt, Single, ist intelligent, hat Philosophie studiert, engagiert sich in Frauengruppe sowie bei Greenpeace und Amnesty international.
Was ist Linda von Beruf?        
            a) Bankkassiererin       oder
            b) eine Bankkassiererin, die sich in der Frauenbewegung engagiert

Auswertung

Intuitiv (System 1)erscheint die Lösung b) plausibel, da Linda eine engagierte Frau ist und als Single Zeit für derartige Aktivitäten hat.
Vernünftig (System 2) wäre jedoch die Lösung a), da b) lediglich eine Untergruppe der Gruppe a) ist.

Derartige Fehleinschätzungen kommen natürlich auch bei angstbereitenden Deutungen vor, so dass bewusste Korrekturen (Umlernen) notwendig werden.

Die Gefahr der Fehleinschätzung kann vermieden oder zumindest verringert werden, wenn System 2 Zeit zum Nachdenken hat.
Denn unser Bewusstsein kann logisch denken und statistische Wahrscheinlichkeiten berechnen – wenn wir dazu ausgebildet sind.
Diese Zeit zum Überdenken könnte man sich z.B. dadurch verschaffen, dass man erst einmal tief durchatmet oder einen Anrufer sagt, man würde für eine Antwort zurückrufen. Der Atem oder andere Techniken, die helfen, die Aufmerksamkeit in das Hier und Jetzt zu bringen, sind sehr nützlich, um zwischen Realität und Illusion / Vorstellung oder Erinnerung zu differenzieren.

Die Lösungs-Angebote vom schnellen, aber recht unspezifisch funktionierenden System 1 können dann, nach genauer und spezifischer Abwägung ganz bewusst bestätigt, variiert oder zurückweisen werden.
System 2 hat also Einflussmöglichkeiten, z.B. Angstgefühle zu beeinflussen.

Bewusst Aufmerksamkeit kann jedoch nur für begrenzte Zeit aufrechterhalten werden, da System 2 deutlich mehr Kalorien bei seiner Arbeit verbraucht, als System 1.
Daher arbeitet das langsame System 2 nach dem Gesetzt des geringsten Energieaufwandes, so dass oft intuitive Antworten, statt logisch wahrscheinlicher Antworten Raum greifen und in Reaktionen umgesetzt werden.

„Faulheit“ oder der „effiziente Einsatz von Ressourcen“ ist also ein ererbtes aber wichtiges Merkmal unserer Denk-Handlungsimpulse, da in der frühen Vorzeit Nahrung (= Energie) nicht, wie heute, allzeit zur Verfügung stand und daher mit dieser knappen Ressource bedacht umgegangen werden musste.

Ängstigen Sie sich also nicht unnötig, verschaffen Sie sich Zeit, bringen Sie sich in Sicherheit und denken Sie nach. Das ist zwar kurzzeitig energieaufwendig, macht das Leben langfristig aber deutlich leichter und entspannter. Schließlich hat das Leben sowohl eine tragische wie auch eine komödiante Seite.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Quelle: Daniel Kahneman, Thinking, fast and slow, Farrar, Straus and Giroux, New York, 2011

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